Das Wunderbare
„Das Wunderbare – Dimensionen eines Phänomens in Kunst und Kultur” ist das Thema einer aktuellen Konferenz in Saarbrücken.
Seherische Ahnungen, Wahrträume und Doppelgänger-Begegnungen haben die Droste zeitlebens begleitet. Alles Phänomene, die in Kunst und Kultur eine große Rolle spielen, aber auch zum Alltag gehören. Nach den Umfragen der Parapsychologen sind solche verbreiteter, als man meinen möchte. Das Paranormale ist damit soziologisch betrachtet durchaus auch das Normale. Nicht zuletzt darum erscheint das Wunderbare in Literatur, Film, Theater, Religion und Kunst immer wieder neu.
Die Konferenz an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken ist offen für alle und kostenlos. Wer also spontan das Wunderbare suchen möchte, findet hier alle Informationen (schon der Reader lohnt sich!).
Aber Achtung: Der Weg zur „wunderbaren“ Konferenz führt am Mülldepo der Uni vorbei…
Literatour (to be): Zürich
Nach dem Buch ist vor dem Buch und so bin ich auf Recherchereise in der Schweiz, denn unterwegs werden die Geschichten leichter.
Zürich glüht.
Asphalt wabert, als zwei Anzugmänner vors Büro in die flirrende Hitze treten und lapidar befinden: „‘s ist mild.“
Kaum angekommen, fragt man mich nach einem Antiquariat und später nach der Bibliothek. Wenn es so etwas wie eine Buchaura gibt, wird sie langsam dichter, scheint es.
Alles hält sich im Schatten.
Mein Weg führt mich ins Kunsthaus Zürich, ein kühler Ort in dieser Zeit, aber der Eingang ist die Hölle. Eines der sieben bronzenen Höllentore Rodins bewacht die Pforte, lässt dem Besucher die Dämonen dreidimensional entgegengeistern. Im Tor, dessen Gestalten Dantes Göttlicher Komödie entsprungen sind, hockt trotzdem schon der Denker, der sich erst später seinen eigenen Platz erkämpft.
Besser, man lässt die ganze Hölle rechts liegen und betritt eilig die himmlischen Hallen der Künste.
Der “Albtraum” ist da!
Wie schön, wenn nicht mehr das Manuskript auf dem Schreibtisch liegt, sondern das fertige Buch!
Der Droste-Roman ist also ab jetzt an den üblichen Stellen erhältlich, und zwar auch als E-Book. Nähere Infos beim Verlag. Viel Spaß beim Lesen!
Blickfang: Kafkaeske Geschenke
Zu Franz Kafkas heutigem 132. Geburtstag fällt mir das perfekte Mitbringsel für Misanthropen in die Hände: Der Pechkeks (“Hier kannst du es wenigstens kommen sehen!”).
Übrigens im Museumsshop des Lübecker Buddenbrook-Haus gefunden.
Traumhafte Tweets im Juni 2015
Verdecktes Spiel mit offenen Karten. Buch.
— Peter Plener (@PeterPlener) 1. Juni 2015
Ein Lesezirkel, der nur zwischen den Zeilen liest.
— selbstredend (@keri_will) 3. Juni 2015
Im Traum merken, dass man träumt, im nächsten Traum Leuten davon berichten. Die Frage ist nun: bin ich gerade in a)einer Tram b)einem Traum?
— Sofia (@nachtaktivesofi) 5. Juni 2015
Der Sommer ist ein ganz anderes Land.
— Christina Dongowski (@TiniDo) 5. Juni 2015
Schreiben. Kritzeln. Tanzen. Klatschen. Piesacken. Immerhin, meine Jobbeschreibung wird immer konkreter. #undwasmachensieberuflich
— Wibke Ladwig (@sinnundverstand) 8. Juni 2015
Der schöne Moment, wenn jemand im Zug sein iPhone als Lesezeichen für ein dickes Buch verwendet …
— LesenistGold (@LesenistGold) 8. Juni 2015
Viele Vögel sind Kulturfolger. Sie folgen den Menschen. So wie Sie, Sie Vögel.
— Quasi Mordor (@Twischenahn) 9. Juni 2015
Meine Metaphern murmeln müde, die Hitze killt des Dichters Blüte.
— Zenon (@kaot50) 12. Juni 2015
Ich bin eh so selten ich selbst, dass es sich eigentlich gar nicht lohnt, rauszufinden, wer ich bin.
— Dramaprinz. (@KaeptnEmo) 12. Juni 2015
Traum: Komme gehetzt am Taxistand an, wo ein Taxi quietschend abfährt. Steige in nächstes und zeige auf abfahrendes: “Folgen Sie dem Traum.”
— Martin (@outist) 13. Juni 2015
„Zwischen Chanel und Hermes rechts rein.“ Münchner Ortsangaben.
— ankegroener (@ankegroener) 15. Juni 2015
“Sind das die Nudeln?” Wie ein einziger Satz die Qualität unseres Kantinenessens perfekt beschrieb.
— kOiOiOile (@blind_now) 15. Juni 2015
Auf der Suche nach der Bügelfalte im Wort.
— Andrea Drumbl (@andrea_drumbl) 15. Juni 2015
Gegen Konkretes anschweifen.
— I.H. (@Nichts_weiter) 16. Juni 2015
Freundin bedankt sich per WA für die Katze, die ich ihr von Mallorca geschickt habe. Die Autokorrektur wird noch Kriege entfachen.
— aqua (@aqua666) 16. Juni 2015
Heute hat übrigens Orwell Geburtstag, da wollen wir besonders auf unsere Mitmenschen achten.
— Max. Buddenbohm (@Buddenbohm) 25. Juni 2015
Ich bin durchaus wahrscheinlich. Aber nicht sicher.
— Raubtier den Atem* (@freikampf) 26. Juni 2015
language as a specific reality
— selbstredend (@keri_will) 27. Juni 2015
Mehr Sammlungen gibt es wie immer hier.
Literatour Travemünde: Kafka am Strand und Buddenbrooks’ Sommerfrische
Das Ostseeheilbad Travemünde hat von je her illustre Gäste angezogen. So wandelte Kafka nicht nur in Prag, sondern erholte sich auch an der Ostseeküste – und fiel gleich auf:
„Fahrt nach Travemünde […] Anblick des Strandes. Nachmittag im Sand. Durch die nackten Füße als unanständig aufgefallen.“
Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 27.07.1914
Wenn er geahnt hätte, dass es dort hundert Jahre später sogar separate FKK-Strände gibt …
Nicht nur Strand, Wellen und Meer bleiben gleich durch die Zeiten, sondern auch die Viermastbark Passat, benannt nach dem günstigen Winde, ist so alt, dass Kafka sie theoretisch gesehen haben könnte, wenn sie damals nicht in Südamerika vor Anker gelegen hätte.
Travemünde ging aber auch selbst in die Literatur ein, weil die Familie Buddenbrook aus Thomas Manns gleichnamigem Roman (und nach dem Vorbild der realen Familie Mann) hier ihre Sommer verbrachte. So verlebt Tony Buddenbrook, auf der Flucht vor den Heiratsabsichten des Herrn Grünlich, den fiktiven Sommer 1845 in Travemünde und lernt bei gemeinsamen Strandwanderungen den Sohn ihrer Zimmerwirte näher kennen.
„Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll, gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu steinig wurde, kletterten sie hinaus, um droben durch das Gehölz den ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren Innenseiten mit Inschriften, Initialen; Herzen, Gedichten bedeckt waren … Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten Kammern, die der See zugewandt waren und in denen es nach Holz roch wie in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale roh gezimmerte Bank im Hintergrunde.
Es wurde sehr still und feierlich hier oben, um diese Nachmittagsstunde. Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie plötzlich eine nachdenklich stimmende Stille.“
(Thomas Mann: Die Buddenbrooks, S. 135)
Die Droste in drei Minuten
Die letzten Korrekturen, bevor es endgültig in den Druck geht. Als Vorgeschmack auf 300 Seiten aus dem Leben der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff gibt hier die Bio in 3 Minuten einen Überblick.
(Das ist ausdrücklich kein Buchtrailer, aber eine gute Einstimmung.)
Traumhafte Tweets im Mai 2015
Damals war alles vielleichter.
— _herzspur_ (@fehlendehaelfte) May 11, 2015
1855: London bekommt seinen 1. Briefkasten. Konservative kritisieren die Neuerung, weil sie jungen Frauen private Korrespondenz ermöglicht.
— Verrückte Geschichte (@drguidoknapp) May 13, 2015
Lesen? Das geht vielleicht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig.
— book-date (@bookdate) May 14, 2015
und immer auf reisen: die augenblickliche verkehrung von fernweh nach dem unerreichbaren ort in heimweh nach dem zuhause, das es nicht gibt
— Silentio Salocin (@SilentioSalocin) May 14, 2015
Und ich würde gerne einen Roman lesen, der nur aus anregenden Überschriften besteht, die Handlung träume ich mir dann selbst zusammen
— sphericon (@sphericon) May 15, 2015
Sich morgens beim Kaffee an einem Text einen guten Gedanken anzünden. Mhhh-
— Kéri Will (@keri_will) May 18, 2015
Ich töte aus Prinzip keine Käfer; es könnte Kafka sein…
— Irgendwer (@ex_istenz) May 19, 2015
Was ist der Horror Vacui? Der Horror Vacui ist nichts!
— Baldu Müßiggang (@BalduFyx) May 19, 2015
Bücher erreichen Stellen, da kommt der Fernseher gar nicht hin.
— Kaffeecup (@kaffeecup) May 19, 2015
1. Suche den heiligen Kuchen. 2. Befreie den heiligen Kuchen vom Drachen. 3. Bringe den heiligen Kuchen nach Hause. Held scheitert bei 3.
— Kirstenfuchs (@Kirschenfuchs) May 20, 2015
Postkarte vom Zahnarzt bekommen: „Wir vermissen Sie“. Und da sagen sie, Romantik sei tot.
— Wertverstellung (@wertverstellung) May 21, 2015
Schriftsteller: Bis an die Zeile bewaffnet.
— Zenon (@kaot50) May 28, 2015
Lieblingsliteraturlinks (10)
Florenz feiert Dante, denn der Autor der Göttlichen Komödie nähert sich seinem 750. Geburtstag. Der dazugehörige Hype bringt allerlei Pappkameraden hervor. Inferno? Hauptsache, die Literatur wird geehrt.
Es muss nicht immer Italien sein. Literaturliebhaber können auch am Bodensee Künstlerpfaden folgen und die Aussicht genießen. „Zum Kotzen schön“ ist das nämlich, wie es hier heißt – wer braucht da noch das Mittelmeer?
„Es wird nicht mehr gewichst“, stellt die WELT in diesem Artikel über schöne Wörter fest, die sich in der Zeit verloren haben. Nichts gegen Sprachwandel, aber ich habe mir vorgenommen, die Sommerfrische wieder in meinen aktiven Wortschatz aufzunehmen – und zu praktizieren. Abgase gibt’s in der Stadt noch genug und der Geist gehört ohnehin gelegentlich gelüftet.
Für alle, die nicht nur Lesen, sondern auch Schreiben, kann dieser Taktgeber den Schreibrhythmus beflügeln. So reizt die stille Schreibarbeit auch einmal andere Sinne und wird vielleicht ein klangvolles Erlebnis. Der Typedrummer macht aber auch schon Spaß in einem Satz.
Schauspielerin Meryl Streep investiert in ein Writers Lab für Autorinnen 40+, also einen Schreibworkshop für Autorinnen mit Lebenserfahrung. Ob Meryl Streep hofft, dass ihre diese Drehbuchautorinnen eher eine Rolle auf den Leib schreiben können?