Buchextrakt (2) Hustvedt, Siri: Die Verzauberung der Lily Dahl.
Sehr amerikanisch, zumindest am Anfang: Alles dreht sich um Lily, die junge Bedienung eines Diners in einem Provinznest. Doch ihre “Verzauberung” besteht nicht nur in der Begegnung mit einem fremden Maler, sondern in einer Surrealität, die sich immer stärker ausbreitet und so viel Spannung aufbaut, dass sich die Geschichte geradezu in einen Krimi verwandelt.
“Ich suche nach dem Eingang”, sagte er, “ich will eine Öffnung finden.”
“Wo hinein?” sagte Lily.
“Hast du nie den Eindruck, daß nichts wirklich ist?”
Lily sah ihn an. “Na ja”, sagte sie langsam. “Manchmal denke ich, daß gewöhnliche Dinge irgendwie seltsam sind …”
Martin nickte heftig. “Es … es ist so, als hätte alles eine Haut, und wenn du drunterkommen könntest, würdest du zu dem gelangen, was wirklich ist, aber man kann es nie, also maß man eine Art und Weise finden, dahin vorzudringen. Verstehst du?”
Lily verstand überhaupt nicht. Sie fühlte sich unbehaglich.
“Nein”, sagte sie. “Versteh ich nicht.”
“A-a-also.” Er wandte ihr sein blasses Gesicht zu und stieß nach mehreren Versuchen das M vervor. “Mund. Das Wort ist nicht wirklich, aber … aber du benutzt deinen Mund, um es zu sagen, und dann treffen sich die beiden …”
“Martin”, sagte Lily kopfschüttelnd.
“Sch-sch-schwindel”, sagte er dann laut.
Lily sah ihn an. Sie mochte das Wort nicht. “Schwindel?”
“W-wörter sind Schwindel – nichts als Laute für etwas, stimmt’s? Bilder sind Schwindel, das Stück ist ein Schwindel. Aber vielleicht, wenn du sie auf das wirkliche Ding schiebst – dann öffnen sie einander. ” Martin sah sie triumphierend an.
Lily starrte ins Leere.
“Nun muß es stimmen. Man muß so fest schauen, daß einem die Augen davon weh tun. Meistens stimmt es nicht. Aber man kann nicht aufhören hinzuschauen.” Martin schwieg eine Weile. “Sag es noch mal.”
Lily wich zurück. Sie schüttelte den Kpf und schaute die Straße entlang. Die niedrigen Äste großer Ulmen verdunkelten das Pflaster und den Bürgersteig. Zwischen ihnen konnte sie den Nachthimmel sehen und blickte zu ihm auf. Sie war müde und wollte woanders sein. “Es ist zu seltsam.” (S. 72-73)